Plastikflut ebbt nicht ab

27. November 2018
Das geplante Plastikverbot in der EU wird auch Gastronomen treffen, gerade im Take-away-Geschäft. Hierzulande muss die Branche nicht mit verschärften Auflagen rechnen. Das befreit sie nicht von ihrer Verantwortung. Wir haben Betriebe gefragt, was sie gegen Plastikmüll tun.

In den Meeren schwimmen mehr Plastikteilchen als Fische. Schätzungen zufolge treiben mindestens 86 Millionen Tonnen Plastik im Wasser, Jahr für Jahr kommen zwischen 5 und 12 Millionen Tonnen dazu. Die Hälfte davon gehe auf Einwegplastik zurück, hält die Europäische Kommission fest – und will dem Übel nun mit Verboten zu Leibe rücken (vgl. Box). Die Schweiz zieht nicht nach. Der Bundesrat plane kein Plastikverbot, liess Umweltministerin Doris Leuthard Anfang Juni verlauten. Gastronomen müssen sich hierzulande also nicht auf strengere Vorschriften gefasst machen. Trotzdem scheinen viele von ihnen Handlungsbedarf erkannt zu haben – dabei geht ihr Engagement unterschiedlich weit.

Das Schweigen der Giganten

Von den grossen Playern im Take-away-Geschäft sind nicht alle auskunftsfreudig: Burger King lässt die Frage zum Umgang mit Einwegplastik unbeantwortet, Starbucks verweist auf eine Pressemitteilung, wonach der Kaffeegigant Plastikstrohhalme bis 2020 aus sämtlichen Filialen verbannt haben will. Informationen dazu, was mit Bechern, Deckeln und Schalen aus Plastik geschehen soll, sind nicht verfügbar. Offener gibt sich McDonald’s. «In unseren Küchen entsteht der meiste Plastikabfall durch Verpackungen von Zutaten und Rohwaren», sagt Sprecherin Deborah Murith. «Verpackungsmaterial aus Polyethylen rezyklieren wir konsequent, genauso wie Altöl, Speisereste, Papier oder Karton.» Im Restaurantbereich seien Deckel von Trinkbechern, Strohhalme, Besteck und Salatschalen aus Plastik. Versuche, diesen zumindest teilweise wiederzuverwerten, hätten sich als schwierig erwiesen. «Recycling setzt korrektes Abfalltrennen voraus, auch beim Gast», sagt Murith. «Ausserdem fehlt es auf Seiten der Recyclingpartner an Verwertungsmöglichkeiten für gewissen Plastikmüll.» Murith spielt damit auf eine Tatsache an, die Plastik zum Recycling-Problemfall macht: Mischkunststoffe lassen sich oft nicht sortenrein auftrennen, der Industrie fehlt es an technischen Möglichkeiten.

90 Prozent der Speiseverpackungen, die bei McDonald’s über den Tresen gehen, bestehen gemäss Murith aus Papier und Karton: «Bis 2025 sollen sämtliche Verpackungen aus erneuerbarem, wiederverwertbarem oder kompostierbarem Material sein.» Wann immer möglich werde dabei einer Recycling-Variante der Vorzug gegeben. Überdies gelte es, Abfall zu reduzieren, gerade im Plastikbereich. «In Irland und Grossbritannien hat McDonald’s den Verzicht auf Plastikstrohhalme bereits beschlossen und stellt auf Papier um», sagt Murith, «wir beobachten diese Entwicklung aufmerksam.» Gemeinsam mit Starbucks hat McDonald’s ausserdem die globale «Next Gen Cup Challenge» lanciert. Der Wettbewerb richtet sich an Start-ups, die einen umweltfreundlichen, plastikfreien Becher ertüfteln sollen, am besten gleich mit Deckel und Halm.

Nichts spart so viel Plastik wie Mehrweggeschirr

Auch die Migros, selbst unter Gastronomen ein Branchenschwergewicht, arbeitet nach eigenen Angaben laufend an Lösungen zur Reduktion von Einwegplastik, der vor allem im Take-away-Bereich anfalle. «Oft betreffen die Bemühungen kleine, wenig sichtbare Veränderungen», sagt Mediensprecher Patrick Stöpper, «etwa die Umstellung auf dünnere PET-Menüschalen.» Allerdings sei keine dieser Massnahmen so effektiv wie Mehrweggeschirr. «Die umweltfreundlichste Plastikalternative ist die Mehrwegschale», sagt Stöpper. 2016 führte die Migros als erste Schweizer Detailhändlerin Mehrweggeschirr in ihren Restaurants und Take-aways ein. Entworfen hat es das Berner Start-up Recircle, welches wiederverwendbareMenüschalen und Becher aus robustem Kunststoff anbietet.

Die Idee von Recircle fusst auf dem Gemeinschaftsgedanken. Betriebe, welche das Mehrweggeschirr im Sortiment haben, bilden zusammen ein Netzwerk, das Kunden ein unkompliziertes Rückgabesystem ermöglicht: Wer seine Schale in einem Zürcher Take-away bezieht, kann sie auch bei einem Partnerbetrieb in Bern zurückgeben. Netzwerkmitglieder – mittlerweile sind es schweizweit fast 300 – kennzeichnen sich durch die Flagge mit Recircle-Logo. Für die Re-Box zahlt der Gast zehn Franken Depot, die er bei der Rückgabe erstattet bekommt.

Umwelt und Budget schonen

Mit der Entwicklung des Angebots sei die Migros sehr zufrieden, sagt Stöpper. So seien während der Pilotphase an sechs Standorten bis zu 10 Prozent aller Schöpfgerichte in Mehrwegschalen über die Theke gegangen, «bei einer Filiale waren es sogar über 30 Prozent». Je nach Geschirrbedarf zahlt ein Betrieb Recircle monatlich fixe Abonnementkosten zwischen 5 und 125 Franken. Mehrwegboxen schonten nicht nur die Umwelt, sondern auch das Budget, sagt Recircle-Gründerin Jeannette Morath: «Eine Rebox spart dem Gastronomen Hunderte von Einwegschalen.»

Auf Recircle setzt man auch bei Nooch, den zur Fredy Wiesner Gastronomie gehörenden Asia-Restaurants mit Take-away-Angebot an zehn Standorten. Kunden könnten allerdings auch ihr privates Tupperware mitbringen, sagt Daniel Wiesner, Mitglied der Gründerfamilie. Falle ihre Wahl auf die Einwegvariante, kämen je nach Gericht Materialien wie Karton oder Bagasse zum Einsatz, teilweise mit Deckeln aus PET. Bagasse ist ein Nebenprodukt der Zuckerfabrikation und bezeichnet die Pflanzenreste, die nach dem Auspressen von Süssgräsern übrigbleiben. Was Behälter für Flüssigsaucen angehe, biete der Markt keine schlauen Lösungen, sagt Wiesner: «Hier brauchen wir Plastikschälchen, weil Naturfaserprodukte aufweichen würden.»

Pflanzlicher Plastik: Gut gemeint, schlecht gemacht

Aus ökologischer Sicht spricht für Materialien wie Bagasse, Recycling-Papier oder -karton, dass sie aus Abfall produziert werden und nicht eigens den Anbau neuer Rohstoffe erfordern, die überdies als Lebensmittel gedacht wären. Wie etwa Mais: Weltweit wird er für sogenannte Biokunststoffe aus Polymilchsäure (PLA) angebaut, die auf Maisstärke basiert. Material aus PLA ist zwar kompostier-, im Hinblick auf seine Umwelteinwirkung aber streitbar. Denn Ackerbau verschlingt fossile Brennstoffe, Pestizide und Dünger lassen Böden versauern und gefährden Gewässer. Gut gemeint ist also nicht immer gut gemacht.

 

Nichtsdestotrotz hat sich «Bio-Plastik» etabliert, selbst da, wo man sich Nachhaltigkeit auf die Flagge schreibt, etwa bei der auf gesundes Fast Food spezialisierten Kette Hitzberger. Hier gehen Bio- und Fair-Trade-zertifizierte Snacks in Schalen aus Maisstärke über die Theke, Plastik haben die Betreiber bis auf wenige Ausnahmen eliminiert. Auch der Zürcher Gastronom Michel Péclard, der in einigen seiner 14 Betriebe auch Snacks über die Gasse gibt, setzt auf Take-away-Geschirr und Strohhalme aus Maisstärke. «Neuerdings haben wir sogar Röhrchen, die man essen kann», sagt er, «aber es bleibt trotzdem ein Einwegprodukt, dessen Herstellung Energie braucht.» Andy Schwarzenbach, Leiter und Mitgründer von Hitzberger, hat für seine Take-away-Snacks Mehrweggeschirr als Option geprüft: «Bisher scheiterte es an Platzvorgaben und Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit. Abgeschlossen ist das Thema deswegen nicht.» Mehrwegbecher hat Hitzberger im Kaffeebereich im Angebot. «Wer sie verwendet», sagt Schwarzenbach, «erhält auf seiner Kundenkarte die doppelte Stempelzahl.»

Lieferanten in die Pflicht nehmen

Eine Belohnung für mehr Umweltbewusstsein gibt’s auch bei Tibits. Das vegetarische Restaurant mit verschiedenen Standorten hat für sein Take-away-Geschäft eine Mehrwegschale aus Reisfaser lanciert. Gäste, die sie anstelle der Einwegschale nutzen, kriegen am Buffet Rabatt – 10 Prozent pro 100 Gramm. Bei der Einwegvariante hat Tibits von Plastik auf Bagasse umgestellt. Der Deckel der Schalen sei aus Recycling-PET, eine ökologischere Alternative sei wünschenswert, aber noch nicht in Aussicht, sagt Tibits-Mitgründer Reto Frei: «Wir weisen allerdings unsere Mitarbeiter darauf hin, den Gast zu fragen, ob er einen Deckel wünscht, statt automatisch einen mitzugeben.» Auf Strohhalme verzichte man wo immer möglich, ausserdem seien neuerdings Kartonröhrchen im Einsatz. Die kosteten im Einkauf etwas mehr als das Pendant aus Plastik, die umweltfreundlicheren Menüschalen seien dagegen nicht teurer als ihre Vorgänger.

Wer Plastikabfälle reduzieren wolle, komme nicht umhin, seine Lieferanten für die Problematik zu sensibilisieren, sagt Frei: «Wir ermutigen unsere Partner, auf unnötiges Verpackungsmaterial zu verzichten.» Mit grösseren Gebinden zum Beispiel lasse sich viel Plastikabfall reduzieren. Diese Erfahrung macht auch Gastronom Péclard. «Viele Gebinde werden mit unnötigem Plastik umhüllt», sagt er, «in solchen Fällen setzen wir viel daran, Lieferanten auf Mehrwegverpackungen zu bringen. Obst und Gemüse zum Beispiel sollen offen in Harassen geliefert werden.» Bei Einwegverpackungen, sagt Péclard, poche man auf kompostierbare und nachwachsende Rohstoffe. «Als innovative Gastronomen dürfen wir den Willen, neue Wege zu gehen, auch von Lieferanten erwarten», resümiert Péclard. «Wir fordern ihn auch ein – sonst passiert nichts.»

Das EU-Plastikverbot: ambitioniert, aber ungewiss

Die EU-Kommission hat im Frühling eine neue Richtlinie vorgestellt, um Plastikmüll in Gewässern und an Stränden zu reduzieren. Dieser zufolge soll Einwegplastik in der EU künftig verboten werden, zumindest teilweise. Das geplante Verbot betrifft Produkte wie Plastikteller, Plastikbesteck oder Trinkröhrchen; sie sollen aus den Supermärkten verschwinden. Nicht untersagt, aber reduziert werden soll der Gebrauch von Einwegplastik im Take-away-Bereich. Für zugelassene Plastikprodukte gibt es zudem strengere Kennzeichnungspflichten. Ähnlich wie Zigarettenschachteln sollen demnach auch sie mit einem Hinweis versehen werden, der auf die schädliche Wirkung des Produkts hinweist. Die Pläne der Kommission sind ehrgeizig, ob und wann sie Gesetz werden, ist unklar. Sowohl das EU-Parlament als auch die Regierungen der Mitgliedsstaaten müssten zustimmen. Dass es vor den Europawahlen im Mai 2019 zur Einigung kommt, gilt als unwahrscheinlich.

Text: Virginia Nolan